Kapitel 2

Zwischen Lebenswerk, Loslassen und nackten Zahlen

Die Gretchenfrage vor dem Start

Bei all den Diskussionen um Unternehmenswerte, Käufertypen und Steueroptimierung gerät ein entscheidender Punkt oft gefährlich in den Hintergrund: Verkaufen ist eine Option, aber nicht automatisch die beste Lösung. Bevor ein M&A-Berater beauftragt oder ein potenzieller Käufer angesprochen wird, lohnt es sich, einen Moment innezuhalten. Denn oft wird der Verkaufsprozess als Flucht vor ungelösten internen Fragen eingeleitet.

Warum ist der Stuhl eigentlich leer?

Wenn heute kein geeigneter Nachfolger aus der Familie zur Verfügung steht, hat das Gründe. Diese liegen selten im „Zufall“, sondern in einer Vorgeschichte, die es zu analysieren gilt. War es wirklich der freie Wille der nächsten Generation, nicht zu übernehmen? Oder gab es berechtigte Zweifel an der fachlichen Eignung oder den Führungsqualitäten, weshalb Familienmitglieder in der Vergangenheit bewusst nicht in die erste Reihe geholt wurden?

Vorsicht ist geboten, wenn nun im Zuge eines externen Verkaufs versucht wird, genau diesen Nachfolger doch noch in die „Pole Position“ zu hieven – etwa als Geschäftsführer unter dem neuen Eigentümer, um Kontinuität zu suggerieren. Dies ist ein Spiel mit dem Feuer. Nur weil das unternehmerische Risiko nun in der Bilanz eines Investors und nicht mehr im reinen Familienvermögen liegt, verschwinden die Defizite des Kandidaten nicht. Im Gegenteil: Die Gründe, die gestern gegen eine Führung unter Familienflagge sprachen, werden unter einem Fremdeigner zum Bumerang.

Der entscheidende Unterschied: Der familiäre Welpenschutz endet mit der Unterschrift. Ein externer Käufer – insbesondere ein Finanzinvestor – steuert das Unternehmen über harte Performance-KPIs. Er erkennt Führungsschwächen und Zielverfehlungen deutlich schneller und reagiert radikaler als der eigene Vater. Während im Familienkreis Misserfolge oft intern abgefedert werden, führt mangelnde Leistung unter einem Investor schnell zur Ablösung. Wer einen (bisher ungeeigneten) Junior in diese Rolle drängt, tut ihm keinen Gefallen, sondern programmiert das berufliche Scheitern vor – diesmal auf offener Bühne.

Die Hierarchie der Werte: das Ende der Wunschliste

Ist die Vergangenheit geklärt, folgt der noch unbequemere Blick in die Zukunft. Die meisten Unternehmer gehen mit einer idealistischen Wunschliste in den Verkaufsprozess, die das Beste aus allen Welten vereinen soll: Ein maximaler Verkaufspreis trifft auf eine lebenslange Arbeitsplatzgarantie für die Mitarbeiter, der Familienname soll weiter an der Fassade prangen, während der Eigentümer selbst möglichst schnell aussteigen möchte. Und der Verkaufsprozess selbst? Der soll bitte geräuschlos, schnell und ohne lästige Detailfragen über die Bühne gehen. Die brutale Wahrheit des M&A-Geschäfts ist jedoch: Dieses Gesamtpaket ist eine Illusion.

In der Praxis stehen diese Ziele in einem unauflösbaren Spannungsverhältnis, einem „magischen Vieleck“ des Verkaufs. Wer hier nicht vorher Prioritäten setzt, wird im Prozess zerrieben, denn die Maximierung des einen Ziels geht fast zwangsläufig auf Kosten eines anderen. Wer beispielsweise den absoluten Höchstpreis erzielen will, muss in der Regel an einen strategischen Konzern verkaufen. Der Preis für die hohe Bewertung ist aber nicht nur die spätere Integration und der Verlust der Eigenständigkeit, sondern oft auch ein extrem harter Prüfungsprozess (Due Diligence). Denn wer viel zahlt, stellt viele und unangenehme Fragen – der Wunsch nach einem „unkomplizierten Durchwinken“ ist bei Top-Bewertungen unrealistisch.

Wer hingegen möchte, dass „alles so bleibt wie es ist“ und einen Käufer sucht, der Kultur und Arbeitsplätze garantiert, findet diesen oft in einem Management-Buy-out oder einem Family Office. Diese Partner bewahren die Identität, können aber selten mit den astronomischen Bewertungen eines bietenden Konzerns mithalten. Zudem verlangen solche Käufer oft, dass der Senior noch eine gewisse Zeit an Bord bleibt, um den Übergang zu sichern. Der Wunsch nach einem „schnellen Exit“ muss dann zurückstehen.

Ein Verkaufsprozess ohne klare interne Wertehierarchie ist daher zum Scheitern verurteilt. Wer erst am Verhandlungstisch unter Druck merkt, dass ihm ein schneller, diskreter Abschluss emotional doch wichtiger ist als die letzte Million beim Kaufpreis, wirkt auf Käufer wankelmütig. Die unbequeme, aber notwendige Frage vor dem ersten Handschlag lautet daher: Wenn es hart auf hart kommt – was ist die unverhandelbare Nummer eins? Ist es die Liquidität, das Erbe oder die eigene Freiheit? Man kann vieles erreichen, aber nicht alles maximieren. Nur wer bereit ist, diese Vorentscheidung zu treffen, kann den geeigneten Käufer identifizieren.

Fazit

Die Unternehmensnachfolge ist weit mehr als ein juristischer Akt oder eine finanzielle Transaktion; sie ist die ultimative Reifeprüfung für Unternehmer und ihre Familien. Wie wir gesehen haben, scheitern Übergaben selten an den Bilanzen, sondern fast immer an den Menschen – an ungeklärten Rollen, verletzten Eitelkeiten oder der Unfähigkeit loszulassen. Ob die Lösung am Ende familienintern gefunden wird oder der Weg zu einem externen Strategen oder Finanzinvestor führt, ist dabei fast zweitrangig. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass es die eine, schmerzfreie Ideallösung in den seltensten Fällen gibt.

Wer den Fortbestand seines Lebenswerkes sichern will, muss sich von der romantischen Vorstellung verabschieden, dass sich wirtschaftliche Logik und familiäre Emotionen immer harmonisch vereinen lassen. Manchmal ist der Verkauf an Dritte kein Verrat an der Tradition, sondern der einzig verantwortungsvolle Schritt, um das Unternehmen vor dem Stillstand zu bewahren und den Familienfrieden zu retten. Und manchmal ist die harte, professionalisierte interne Übergabe der einzige Weg, um die nächste Generation wirklich zu befähigen, statt sie durch übermächtige Schatten zu erdrücken.

Der größte Feind einer erfolgreichen Nachfolge ist nicht der falsche Käufer oder der unwillige Erbe, sondern die Unentschlossenheit des Seniors. Wer versucht, alle Ziele gleichzeitig zu erreichen – maximaler Preis, volle Kontrolle, absolute Sicherheit und familiäre Harmonie – steht am Ende oft mit leeren Händen da. Nur wer den Mut zur radikalen Ehrlichkeit hat, wird in diesem Prozess erfolgreich sein: Ehrlichkeit gegenüber der Eignung der eigenen Kinder, Ehrlichkeit gegenüber den Anforderungen des Marktes und vor allem Ehrlichkeit gegenüber den eigenen Prioritäten.

Am Ende misst sich die wahre unternehmerische Leistung nicht daran, wie lange man unentbehrlich war, sondern wie gut man das Unternehmen darauf vorbereitet hat, auch ohne einen zu florieren. Wer den Abschied aktiv gestaltet, statt ihn zu verdrängen, macht aus dem unvermeidlichen Ende einer Ära ein solides Fundament für die Zukunft.

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Autor des Beitrags

Sebastian Ringleb, Partner bei Nachfolgekontor

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